Franz Stowasser, 11/98
Thesen für eine Welt in der Denken eine Tugend ist:
Thema:
Ist die Forderung nach einem Recht auf Arbeit sinnvoll oder ist sie ausgemachter Quatsch und Opium fürs Volk?
These 1:
Es gibt mindestens zwei Definitionen des Begriffes Arbeit
Zunächst soll geklärt werden, welcher Arbeitsbegriff eigentlich die Grundlage für die Forderung nach Recht auf Arbeit darstellt. Zwei von vielen möglichen Definitionen sind:
Folgen wir des soziologischen Definition, dann arbeitet natürlich auch ein arbeitsloser Mensch in dem Sinn als er "..bewußte Tätigkeit(en) ... zur Lösung und Bewältigung seiner materiellen und geistigen Existenzprobleme" ausführt. Die Forderung nach einem Recht auf Arbeit erscheint auf diesem Hintergrund sinnlos, da Arbeit ohnehin von allen geleistet wird.
These 2:
Verwirrende Spiele mit dem Wörtchen "macht"
Arbeit macht frei. Macht wirklich die Arbeit frei? Oder nimmt sich der Mensch selbst wahr, indem er/sie etwas tut, sich wieder erschafft und reflektiert? Sind es damit vielleicht die menschlichen Fähigkeiten, etwas zu tun, zu produzieren und darüber zu kommunizieren die befreiend wirken?
Arbeit erscheint nur in der Physik (Kraft mal Weg) als einfacher Begriff.
Schon in den Sozialwissenschaften wir die Definition des Begriffes Arbeit komplizierter. Betrachten wir den gesellschaftlichen Aspekt der Arbeit so lebt hinter dem starren Wort Arbeit ein Beziehungsgeflecht von arbeitenden Menschen, nicht mehr die Beschreibung einer Tätigkeit steht im Vordergrund, sondern die soziale Beziehung, die ein arbeitender Mensch erschafft.
Weil es einfacher scheint, wird Arbeit oft mit der physikalische Definition gleichgesetzt. So können unsinnige "macht" Aussagen entstehen wie:
Arbeit macht frei
Arbeit macht glücklich
Arbeit haben macht zufrieden
Arbeitslosigkeit macht depressiv
Die Arbeit oder die Arbeitslosigkeit macht natürlich gar nichts, der tätige Mensch macht. Es soll der Eindruck entstehen, als mache die Arbeit den Menschen und die Gesellschaft und nicht umgekehrt.
Ich nenne Aussagen, die eine bestimmte (oft ungeklärte) Vorannahme verfestigen sollen, Suggestionen. Die Suggestion, daß die Arbeit etwas mache, löst sich sofort, wenn wir diese "macht" Sätze einfach umdrehen:
Freiheit macht Arbeit
Glück macht Arbeit
Zufriedenheit macht Arbeit
Depression macht Arbeitslosigkeit
Der Unsinn, daß in diesen Aussagen so getan wird, als könne ein Begriff etwas machen bleibt bestehen, die suggestive Traumwirklichkeit einer machenden Arbeit ist aber aufgehoben. Ein erster Schritt raus aus der systematischen Verblödung.
These 3:
Es gibt ein Ende der suggestiven Wortgewalt
Mit den Streiks der Arbeitslosen in Frankreich fühlten sich die vielen Vertreter des Rechts auf Arbeit bestätigt und fordern dieses Recht auch für weitere Europäische Staaten. Eine andere Blickweise ergibt allerdings, daß ein Streik der Arbeitslosen den Arbeitsbegriff selbst ad absurdum führt. Wofür oder wogegen streikt ein Arbeitsloser? Die Antwort scheint klar, dafür, daß er/sie Arbeit bekommt - mit anderen Worten, der Arbeitslose tut etwas, damit er/sie etwas zu tun bekommt. Das Tun des Streiks scheint nicht zu genügen, das Streiken selbst scheint keine Arbeit zu sein. Was unterscheidet die Tätigkeit des Streiks von der Tätigkeit, die als Resultat des Streiks erwartet wird - Arbeit? Aus den Forderungskatalogen zitiert erwarten die Streikenden:"... menschen-würdige Arbeit, menschenwürdige Bezahlung, gesellschaftliche Anerkennung."
Im Unterschied zum physikalischen Arbeitsbegriff (Streikaktionen würden dieser Kraft x Weg Definition entsprechen, wären also Arbeit) beinhaltet der gesellschaftliche Arbeitsbegriff mehrere Aspekte. Indem wir über ein Recht auf Arbeit reden, setzen wir diese Aspekte als bekannt voraus. Jeder wisse doch, was unter Arbeit verstanden wird - zu jeder Zeit, an jedem Ort. Die kurzen Definitionen von Arbeit in der Physik und Soziologie haben schon gezeigt, daß wir, um verstehen zu können, mit welchem Arbeitsbegriff wir argumentieren wollen, ehrlicherweise seine Definition mit bekanntgeben sollten.
These 3
Recht auf Arbeit meint eigentlich Recht auf Bezahlung
"Zu tun gibts genug, und jetzt mehr als auf der Arbeit". Diesen oder einen ähnlichen Spruch hat jeder schon einmal gehört, wenn er sich mit Pensionisten unterhalten hat. Wie kommt es, daß manche Pensionisten scheinbar mehr als genug Arbeit haben, Arbeitslose aber keine? Die Pensionisten haben Bezahlung und es ist egal was sie tun - solange es nichts ungesetzliches ist - alles kann, wenn es ein Pensionist tut, zur Arbeit werden.
Fragen Sie Kollegen in Firmen, was alles zu ihrer Arbeit gehört, Sie bekommen faszinierende Antworten. Wer darstellen will, daß er/sie viel arbeitet betrachtet jede kleine Handbewegung als Arbeit , das Ein- und Ausschalten des Computers ebenso wie den abendlichen Gedanken über die Zeitplanung des nächsten Tages. Wer eine bestimmte Verantwortung nicht übernehmen will, der definiert seinen Arbeitsbereich völlig anders und behauptet z.B. Kaffee kochen, einen Kollegen informieren, die Ablage ordnen, den Geschäftswagen waschen etc. gehöre auf keinen Fall zu seiner Arbeit. Möchte dagegen ein Kollege, eine Kollegin das eigene Tätigkeitsfeld ausweiten, weil er/sie sich einen Kariere Sprung erhofft, dann gehört plötzlich alles zum Arbeitsgebiet dieses Kollegen.
Wenn Bezahlung gegeben ist kann jede Handlung zur Arbeit werden.
These 4
Eine Handlung, die bezahlt wird ist Arbeit.
Die Forderung auf ein Recht auf Arbeit müßte demnach die Forderung auf das Recht auf Bezahlung sein. Wenn Bezahlung dieser magische Zauberstab ist, der jede Handlung zur Arbeit macht, dann gibt es ein sehr einfaches Mittel, die Arbeitslosigkeit völlig abzuschaffen. Die Personen eines Staates werden bezahlt, damit wird, was sie tun, zur Arbeit.
Nicht die Arbeit macht frei, sondern die Bezahlung. Mit der Bezahlung werde ich so frei, das, was ich als Tätigkeit verrichte, als Arbeit zu bezeichnen.
Die Forderung nach Bezahlung wird in den meisten gesellschaftlichen Beziehungen zu unserer Zeit erst gestellt, wenn eine Arbeitsleistung vorausgegangen ist
These 5:
Heute: Die gesellschaftlichen Grundlagen von Mobbing
Als Arbeit wird die Tätigkeit bezeichnet, die bezahlt wird.
Unter dieser Voraussetzung entwickeln sich die gesellschaftlichen und psychodynamischen Bedingungen, die wir kennen und die selbst der Bundespräsident kritisiert: Stagnation, depressive Weltsicht, Trägheit.
Arbeit ist zum Besitz geworden, wer Arbeit besitzt schätzt sich glücklich und kann sich von den Nicht Besitzern abgrenzen. Wie der Landbesitzer zur Vergrößerung seines Besitzes auch das Feld des Nachbarn noch gut gebrauchen kann, so trachtet der Arbeitsbesitzer nach der Arbeit seines Kollegen (nicht nach dessen Tätigkeit wohlgemerkt) - diese Besitzerposition ist die Voraussetzung für mobbing. Mobbing kann nur in einer Kultur entstehen, die Arbeit als Besitz definiert. In der Besitz Beziehung kann ich meinem Nachbarn oder Kollegen seinen Besitz streitig machen, ihn diskreditieren, denunzieren, ihn aus dem Besitzrecht drängen.
These 6:
Die Sucht nach Arbeit ist die Drogensucht des braven Bürgers
Klarer als das Beispiel des Landbesitzers ist für unsere heutige Sicht der Besitz von Drogen. Der Arbeitsbegriff wird zumindest in der BRD in ähnlicher Weise verwendet wie der Begriff der Droge. Wer seine Arbeit oder seine Droge hat ist zufrieden sicher. Die Arbeitsbesitzer achten sehr darauf, daß ihnen diese Droge nicht abhanden kommt, verhalten sich strategisch, um noch mehr davon zu kriegen oder länger davon zu haben.
Wer Arbeit verloren hat ist wie auf Entzug und rennt von einer Stelle zur anderen um Ersatz zu bekommen (vielleicht Arbeit auf Zeit oder Arbeit in Beschaffungsmaßnahmen).
Gesellschaftlich auffallend werden die Leute, die keine Arbeit oder Drogen haben, sie drohen zu Beschaffungskriminellen zu werden. Es werden Netzwerke und Clans gebildet um wieder Arbeits-Drogen zu erlangen. Es entstehen stündlich neue Arbeitsdrogenmärkte, die Schwarzarbeit anbieten. Zyklisch drohen die Politiker mit härteren Strafen für den Drogengebrauch, ebenso drohen die Arbeitgeber mit Rationalisierungen, die Arbeitsplätze kosten, dies erhöht die Konkurrenz unter den Abhängigen.
Da einem Drogensüchtigen ist jedes Mittel, das ihn wieder in den Besitz der Droge bringt, recht ist, wird die Beschaffungskriminalität für die Droge Arbeit steigen. Es droht wie beim Heroin ein unkontrollierbarer Markt zu entstehen.
So öffnet in der politischen Argumentation der Satz "Wir schaffen neue Arbeitsplätze" die Geldschränke der Behörden. Für die Sicherheit von Arbeitsplätzen werden Mittel verschwendet, unsinnige Maßnahmen kostenintensiv umgesetzt und Subventionspolitik betrieben.
Wer Drogen braucht, geht zu jemand, der Drogen hat und handelt, damit er kaufen kann. Hat er nichts anzubieten, was den Drogenbesitzer interessiert, so muß er sich auf ein drogenfreies Leben einrichten oder sich die Drogen selbst herstellen - wie wir wissen wird dies sehr kreativ getan. Die streikenden Arbeitslosen in Frankreich haben auch etwas von dieser Kreativität gezeigt. Der Wunsch, an die Droge Arbeit zu kommen, die, so faszinierend, ihre eigene Bezahlung nach sich zieht, ist so groß wie der Wunsch des Süchtigen, nach seinem Stoff.
These 7:
In Zukunft wird aus Bezahlung Arbeit
Eine Gesellschaft, die dieser Voraussetzung folgt, entwickelt einen völlig anderen Begriff von Menschlichkeit. Statt wie oben geschildert Streit und Zank, mobbing und jobbing, wird das Kreativitätspotential freigesetzt, das in der Entfaltung der einzelnen Tätigkeiten liegt. Dann erst kann die Definition von gesellschaftlich sinnvoller Arbeit eingelöst werden. Wenn Arbeit nicht mehr nur Voraussetzung für Bezahlung ist sondern kreativer Prozeß, dann kann sie sich zur treibenden Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung entfalten.
Die Gesellschaft entwickelt die Arbeit und die Arbeit entwickelt die Gesellschaft. Ein kreativer Prozeß, der nicht Probleme, sondern Lösungen produziert. Wer glückliche Selbständige, Künstler oder Pensionisten befragt, weiß, daß diese Menschen bereits heute nach dem Zukunftsprinzip Bezahlung schafft Arbeit leben und dabei sehr produktiv und kreativ sind.
Einwände: Wer soll das bezahlen?
Natürlich der, der Geld hat und auch heute bezahlt, all die Schulden nämlich, die aus der Konstruktion: "Arbeit wird bezahlt und nur was bezahlt wird ist Arbeit" entstehen.
Diese organisierte Innovationshemmung produziert enorme Kosten. Erinnern wir uns zum Beispiel an die Entstehung der Personalcomputer. Damals hatte die Firma Rank Xerox den ersten PC entwickelt und wieder vom Markt genom-men, weil er unrentabel war.
Die Leute von MacIntosh verfolgten und verbesserten das Konzept weiter (trotz schlechter Prognosen), wie wir wissen mit riesigem Erfolg. Solange die MacIntosh Leute nur wenige PCs verkauften waren sie Exoten, Spinner, Künstler, Programmierfreaks und keine Arbeiter.
Die Verwandlung zur Arbeit fand erst nach den großen Erfolgen statt. Plötzlich wurden PCs nicht mehr als Spinnerei, sondern als Notwendigkeit angesehen. Eine Tätigkeit kann jahrelang NICHTS sein. Wenn sich ein Käufer findet der bezahlt, ist aus dieser Tätigkeit plötzlich Arbeit geworden. Das kann Jahre dauern. Für eine Volkswirtschaft ist dieses Warten sehr teuer, hemmt Innovationen und Kreativität, läßt kostenintensive und veraltete Produktions-strukturen fortbestehen.